Kann sich der Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung in einem frühen Stadium mit einem speziellen Nährstoffgemisch verzögern lassen? Dieser Frage ging die europäische Studie mit dem Namen ‚LipiDiDiet’ unter der Leitung von Prof. Tobias Hartmann nach.

Die Wissenschaftler rekrutierten Alzheimer-Patienten, die sich im Anfangsstadium der Krankheit befanden, um die Wirksamkeit einer definierten Trinknahrung mit dem Namen ‚Souvenaid’ zu testen. Souvenaid wurde als diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit im Frühstadium entwickelt und wird von Nutricia (Danone-Konzern) vermarktet. Es enthält eine definierte Nährstoffkombination aus langkettigen Omega-3-Fettsäuren, Phospholipiden, Cholin, B-Vitaminen (B6, B12 und Folsäure), Vitamin C und E, Selen und Uridinmonophosphat.

In dieser randomisierten Doppel-Blindstudie wurden die 311 Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt. Die Behandlungsgruppe erhielt täglich zum Frühstück
125 ml Souvenaid mit dem Nährstoffmix, der Kontrollgruppe verordnete man täglich die gleiche Menge eines Placebo-Mittels, das aber im Geschmack, in der Konsistenz und Farbe sowie den Kaloriengehalt betreffend identisch war. Weder Patienten, Ärzte noch Wissenschaftler wussten, wem das Placebo oder das Multinährstoffgetränk verabreicht wurde.

Der primäre Untersuchungsendpunkt der Studie war die Verlangsamung der kognitiven Verschlechterung, was mit einer neuropsychologischen Testbatterie gemessen wurde. Diese ist eine Kombination aus standardisierten kognitiven Testverfahren und erfasst neben der Veränderung der kognitiven Leistung auch die veränderte Fähigkeit zur Ausübung bestimmter exekutiven Funktionen, wie Planung, Strategie und Arbeitsgedächtnis.
Weiterhin wurden auch klinische Aspekte mit Hilfe von bildgebenden Verfahren untersucht. Somit konnten organische Veränderungen im Gehirn direkt erfasst und beurteilt werden.

Erste Zwischenergebnisse nach 24 Monaten deuteten zwar auf eine gewisse Wirksamkeit der Trinknahrung hin, die Unterschiede in der kognitiven Verschlechterung zwischen den beiden Patientengruppen waren allerdings nicht signifikant.

Im September 2020 wurden die Ergebnisse nach 36-monatiger Behandlungszeit veröffentlicht. Diese offenbarten signifikante Unterschiede zwischen beiden Gruppen: Bei den Patienten der Testgruppe wurde eine um 22 Prozent geringere Gehirnatrophie gemessen, d.h. dass die Hirnmasse der behandelten Alzheimer-Patienten deutlich weniger geschrumpft waren als die der Vergleichsgruppe. Somit konnte der degenerative Veränderungsprozess im Gehirn durch das Nährstoffpräparat signifikant verlangsamt werden. Vor allem auch in der Gedächtnisregion des Gehirns, im sog. Hippocampus, war die Verschlechterung bei den Behandelten um 33 Prozent geringer als in der Kontrollgruppe. Dies korrelierte auch mit der kognitiven Hirnleistung: diese ließ bei den behandelten Probanden um 60 Prozent, also deutlich weniger, nach als bei nicht behandelnden Patienten.

Die Ergebnisse der Studie machten somit gleichzeitig deutlich, dass es sich bei einer derartigen Nährstoff-Supplementierung nicht um ein kurzfristig wirksames Konzept handelt. Die Effekte scheinen sich erst durch die längerfristige Behandlung zu stabilisieren, das zeigte der Vergleich nach 3 Jahren mit den Zwischenergebnissen nach 2 Jahren mehr als deutlich. Die Forscher stellten weiterhin fest, dass die positiven Wirkungen der Trinknahrung im Laufe der Behandlungszeit zunahmen und sich nicht nur auf die Gedächtnisregion konzentrierten, sondern sich auch auf andere kognitive Bereiche ausweiteten. Die Probanden konnten zum Beispiel alltägliche Herausforderungen, wie beispielsweise Rechnungen bezahlen, sich Wege merken etc., besser bewältigen als die Kontrollgruppe.

Dies bedeutet, dass eine langfristige Einnahme dieser spezifischen Multinährstoffkombination die Gehirnstrukturen teilweise schützt und den kognitiven und funktionellen Verfall bei Alzheimer im Frühstadium reduziert. Diese Nährstoffe scheinen also eine zentrale Rolle bei der Reduzierung des neurodegenerativen Prozesses bei AD zu spielen, was auf einen besonderen Ernährungsbedarf bei Alzheimer hindeutet.

Da aber davon auszugehen ist, dass die Krankheit bereits Jahrzehnte vor dem Auftreten der ersten Symptome beginnt, dies jedoch mit derzeitigen Methoden noch nicht messbar ist, wäre auch der Zeitpunkt des Therapiestarts enscheidend: je früher in diesen Prozess eingegriffen werden könne, desto besser. So wäre nicht nur die langfristige Dauer der Behandlung wichtig, sondern auch der frühe Beginn der Behandlung im Krankheitsverlauf.

Trotz intensiver Forschung gibt es leider immer noch keine Medikamente, mit der eine Alzheimer-Erkrankung geheilt werden könnte. Die verwendeten Medikamente verbessern vorübergehend die Symptome, lassen die Patienten dann aber schon nach einiger Zeit wieder in die Ausgangslage zurückfallen. Von einem nachhaltigen 3-Jahres-Nutzen einer Behandlung, wie sie in dieser Studie mit einem definierten Nährstoffgemisch erzielt wurde, wurde bei beginnender AD bislang noch nicht berichtet. Vor diesem Hintergrund wäre das langsamere Fortschreiten der Krankheit schon ein großer Erfolg und ist sicherlich ein guter Anfang.

Diese Erkenntnisse betonen wieder einmal, dass es sich bei der Alzheimer-Krankheit um eine generalisierte Stoffwechselstörung handelt, bei der monokausale Therapien allein nicht zum Erfolg führen können, sondern multifaktorielle Strategien herangezogen werden müssen. Und dass multimodale Präventionsansätze auch einer klinischen Prüfung standhalten, konnte bereits die internationale FINGER-Studie (Finnish Geriatric Intervention Study to Prevent Cognitive Impairment and Disability) eindrucksvoll belegen. Mit der ‚Souvenaid’-Studie ist sicher ein guter Anfang gemacht, da über eine nachhaltige positive Wirkung hinsichtlich Kognition, Funktion und Hirnatrophie in einer Intervention bei beginnender Alzheimer-Erkrankung bisher nicht berichtet wurde. Zukünftige Studien könnten weiter klären, ob die Wirksamkeit einer Nährstoff-Supplementierung zu einem früheren Zeitpunkt, über einen längeren Zeitraum als 3 Jahre, als Teil einer multimodalen Intervention (z.B. FINGER-Studie) oder in Kombination mit pharmazeutischen Therapien, noch weiter gesteigert werden kann.

Fazit:

Die Ergebnisse der genannten Studien unterstreichen eindrucksvoll, dass der von Kompetenz statt Demenz vorgeschlagene multifaktorielle Maßnahmenkatalog – und besonders eine bewusste, das Gehirn schützende Ernährung der Königsweg bei der Demenzprävention ist. Er bietet uns eine Vielzahl von Präventionsstrategien, mit der wir über eine konsequente Minimierung von vermeidbaren Risikofaktoren und über die Einhaltung eines gesunden Lebensstils, die neben Ernährung auch andere Faktoren wie Bewegung, Schlafqualität, soziale Kontakte etc, beinhaltet, unser individuelles Alzheimerrisiko reduzieren können. Beim Projekt ‚Kompetenz statt Demenz’ finden Sie hierzu viele weitere spannende und hilfreiche Informationen, damit Sie Ihre geistige Gesundheit möglichst ein Leben lang erhalten können!

Referenzen:

  1. Soininen H et al. (2017) 36-month LipiDiDiet multinutrient clinical trial in prodromal Alzheimer’s disease . Alzheimer’s and Dementia: 1-12 
  2. Soininen H et al. (2020) 24-month intervention with a specific mulitnutrient in people with predromal Alzheimer´s disease (LipiDiDiet): a randomised, double-blind, controlled trial. Lancet Neurol 16: 965–975 
  3. Ngandu T et al. (2015) A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial. Lancet 365: 2255–2263 
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Diese anschauliche Dokumentation im arte-Kanal zeigt sehr deutlich die Zusammenhänge zwischen einer einseitigen Ernährung, den daraus resultierenden Mikronährstoffmängeln und den Auswirkungen auf das Gehirn. In verschiedensten Experimenten wurde u.a. nachgewiesen, dass Mäuse, die unter einem Mangel an Omega 3-Fettsäuren aufwachsen, Defizite in der Ausbildung ihrer Neuronen haben und deutlich ängstlicher wirken.

Ein besonders krasses Beispiel wurde bei Feldhamstern sichtbar. Hier reicht ein simpler Vitamin B3-Mangel aus, um bei über 80% der Weibchen aggressives Verhalten während der Paarung auszulösen. Im weiteren Verlauf des Experiments fraßen diese Weibchen ihre Jungen direkt nach der Geburt  sogar auf. Nach Behebung des Vitamin B3-Mangels zeigten die Weibchen wieder ihr normales Verhalten, trotz weiterer einseitiger Ernährung (dadurch konnte der Faktor Vitamin B3 als Auslöser eindeutig identifiziert werden).

Beim Menschen konnte in Langzeitbeobachtungen und Studien ähnliches verzeichnet werden. Schon während der Schwangerschaft  entscheidet die Ernährung der Mutter über die Gehirnentwicklung und die emotionale Entwicklung des Fötus und Neugeborenen.

Mütter, die “Junk food” mit wenig Omega 3-Fetten und hohem Zuckergehalt essen, gebären aggressivere Kinder. Wird diese Ernährungsform im Kindesalter fortgeführt, sind aggressives Grundverhalten, Ängste und Aufmerksamkeitsstörungen vorprogrammiert. Bei einem Mangel an Omega 3-Fettsäuren ist die Funktion des Gehirns gestört, die Kommunikation der Neuronen und die Neurogenese ist gehemmt.

Der zweite Kardinalfehler der westlichen Ernährung ist die Überflutung der industriell hergestellten Nahrung mit billigen, raffinierten Zuckern. Versuchsreihen haben gezeigt, dass diese unbemerkte Zuckervergiftung möglicherweise zu einer höheren Abhängigkeit als Kokain führt. Die Folge sind Insulinresistenz, Diabetes und dementielle Erkrankungen.

Natürlich wirkt sich diese Form der einseitigen Ernährung auch auf den Darm bzw. die Mikrobiota (und deren genetische Vielfalt, das Mikrobiom) aus, welche maßgeblichen Einfluß auf die Gesundheit unseres Körpers und der Psyche haben. 

In konkreten Beispielen wird gezeigt, dass die Nährstoffzusammensetzung des Essens eindeutig die Entscheidung von Probanden in Bezug auf die Lösung bestimmter  Probleme in die eine oder andere Richtung beeinflusst. Aber hier soll nicht zu viel verraten werden, sehen Sie selbst:

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Fazit:

In Bezug auf die Gehirngesundheit ist also die Ernährung ein wichtiger Baustein der Prävention –  insbesondere auch in Bezug auf demenzielle Erkrankungen. Eine Orientierung an der Mediterranen Diät oder noch besser der MIND-Diät hilft also dabei, dass wir unsere Enkel auch in Zukunft noch erkennen werden und aktiv am Leben teilhaben können. Lassen Sie den “industriellen Mist” einfach im Regal stehen, auch wenn es manchmal schwerfällt.

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